Donnerstag, 23. April 2026

Gegenwindzeit

Eine kleine Betrachtung für alle, die am Stadtradeln 2026 teilnehmen und dabei nicht bloß "Kilometer machen", sondern auch etwas für unsere Gesellschaft, ihre Gesundheit und ihren Glauben tun wollen ...


Wir leben in einer Gegenwindzeit. Ständig bläst uns der Wind ins Gesicht und hindert uns am Vorankommen. Denn immer gibt es etwas, das dagegen spricht oder von anderen anders gesehen wird. Das kann mitunter ziemlich nervtötend sein. Gegenwindzeit.

Was kann da helfen? Vielleicht ein kurzer Blick in die Bibel. Denn da ist der Wind nicht bloß eine (mal angenehme, mal unangenehme) Naturkraft. Er ist auch etwas, durch das Gott sich vernehmbar macht. Die hebräische Bibel benutzt für den Wind, den Atem und den in unsere Welt hineinwirkenden Gott ein und dasselbe Wort: ruach. Diese ruach ist am Werk, wenn Menschen aufatmen, wenn etwas in Bewegung gerät, wenn frischer Wind zu spüren ist, aber eben auch, wenn uns der Wind entgegenbläst.

Bleiben wir mal beim Gegenwind. Was, wenn die Bibel recht hat und er nicht bloß ein lästiges Übel ist, das uns in unserem Tun behindert, sondern eine Botschaft von Gott? Der Versuch, uns etwas mitzuteilen. Ja, eine Hilfe vielleicht sogar, die Gott uns zur Verfügung stellt, um uns vor Schlimmerem zu bewahren? Dann wäre der Gegenwind, den wir gerade erfahren, so etwas wie ein Ruf zur Umkehr.

Das klingt radikaler als ich es meine. Denn so eine Umkehr muss  ja keine 90-Grad-Kehrtwende sein. Alle, die etwas mit Wind zu tun haben – Segler, Paraglider und nicht zuletzt auch wir Radfahrer – wissen, dass schon kleinste Veränderungen zu einer spürbaren Verbesserung führen können. Welche aber wären das?

Die erste und wichtigste wäre meines Erachtens eine Wahrnehmungsübung. Wieviel Gegenwind habe ich tatsächlich? Gefühlt haben wir ja fast immer Gegenwind. Betrachten wir es aber mal etwas genauer, stellen wir oft fest, dass da doch auch eine Menge Seiten- oder gar Rückenwind dabei ist. Der Gegenwind drängt sich nur viel stärker in den Vordergrund. Eine Wahrnehmungsübung also kann schon helfen. Ein Realitätsabgleich.

Und dann: das Innehalten und Durchatmen. Wer schon mal länger gegen den Wind gefahren ist, weiß, dass man dabei schnell verkrampft und viel mehr Energie aufwendet als es eigentlich nötig wäre. Da können regelmäßige Pausen, Lockerungsübungen und eben auch das Durchatmen helfen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Eine Tasse Tee, eine Yogaübung, eine Meditation, eine Anbetung, eine Zeit im Kloster: als das sind hoch wirksame Medikamente in Gegenwindzeiten.

Und nicht zuletzt: „Mach einen Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Das hat der berühmte amerikanische Psychologe Paul Watzlawik Menschen in herausfordernden Situationen geraten. Will sagen: „Mach mal bewusst etwas anders als bisher und schau, ob sich nicht dadurch etwas verändert.“ Das lässt sich beim Radfahren wunderbar einüben: Mal eine etwas andere Strecke nehmen. Mal etwas defensiver pedalieren. Mal schauen, ob sich der Wind nicht gerade schon dreht oder ob ich mir ihn nicht doch irgendwie zunutze machen kann.

Das Durchkommen in einer Gegenwindzeit hat also viel mit Achtsamkeit zu tun. Mit einem sensiblen Gespür für die kleinen Veränderungen, mit denen eine deutliche Verbesserung erzielt werden kann. Und das Radfahren ist ein ganz hervorragendes Übungsfeld dafür. Denn da bekommen wir es mit dem Gegenwind im wörtlichen wie im übertragenen Sinn zu tun. Jeden Tag, wann immer wir aufs Fahrrad steigen. Und jedes Mal haben wir die Chance, den Gegenwind nicht bloß als lästiges Übel zu begreifen, sondern als den Ruf Gottes zu einem lebendigen Leben.

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